Spuren jüdischen Lebens in Jerichow – ein Abend gegen das Vergessen

Zu einem besonderen Vortragsabend hatte der Förder- und Heimatverein Stadt und Kloster Jerichow e.V. am 2. Oktober eingeladen.

v.l. Antje Reichelt, Theresia Gebauerv.l. Antje Reichelt, Theresia Gebauer

Im Mittelpunkt stand das Thema „Spuren jüdischen Lebens in Jerichow“. Der Abend machte deutlich, dass jüdisches Leben über mehrere Jahrhunderte hinweg Teil der Geschichte der Stadt war – und dass viele dieser Spuren heute nur noch in historischen Dokumenten zu finden sind.

Theresia Gebauer hatte sich intensiv mit den vorhandenen Quellen beschäftigt und die Ergebnisse ihrer Recherchen vorgestellt. Ausgangspunkt war ein historisches Foto des jüdischen Friedhofs, das im städtischen Archiv entdeckt wurde. Für ihre Nachforschungen wertete sie unter anderem Akten des Historischen Magistratsarchivs der Stadt Jerichow, Unterlagen aus dem Landesarchiv Magdeburg sowie weitere historische Quellen aus.

Die Recherchen führen bis in das 18. Jahrhundert zurück. Bereits für die Zeit um 1700 gibt es Hinweise auf jüdische Bewohner in Jerichow. Besonders anschaulich wurde dies am Beispiel von Moses Levin, der 1751 die Genehmigung für die Errichtung einer Strohhutfabrik in Jerichow beantragte.

Ein weiterer Schwerpunkt lag auf dem 19. Jahrhundert. In dieser Zeit lebte in Jerichow eine jüdische Gemeinde mit zeitweise bis zu 30 Mitgliedern. Namen wie Lilienthal, Simonsohn, Heinbach, Löwenstein, Michaelis und weitere Familien lassen sich in den historischen Unterlagen nachweisen. Sie waren als Händler, Kaufleute, Handwerker oder in anderen Berufen tätig und gehörten damit zur Geschichte des alltäglichen Lebens in Jerichow.

Auch der jüdische Friedhof war Gegenstand der Recherchen. Die Quellen zeichnen dabei ein differenziertes Bild über seine Lage und seine Geschichte. Fest steht, dass im 19. Jahrhundert ein jüdischer Begräbnisplatz in den sogenannten Sandbergen vor der Stadt bestand. Die letzte nachgewiesene Bestattung erfolgte 1890.

Besonders bewegend war der Blick auf das 20. Jahrhundert und die Auswirkungen der nationalsozialistischen Verfolgung. Anhand einzelner Schicksale wurde sichtbar, wie jüdisches Leben auch in Jerichow zunehmend entrechtet, verfolgt und ausgelöscht wurde. So wurde unter anderem das Schicksal von Paul Israel Rinkel thematisiert, der 1941 aus der Landesheilanstalt Jerichow in eine unbekannte Anstalt verlegt wurde und vermutlich in der Heil- und Pflegeanstalt Bernburg ermordet wurde.

Ergänzt wurde der Vortrag durch Ausführungen von Antje Reichel, die historische Hintergründe zu den Lebensbedingungen jüdischer Menschen und zur rechtlichen Situation in den verschiedenen Epochen erläuterte.

Der Abend zeigte eindrucksvoll, wie wertvoll die Beschäftigung mit historischen Quellen für die lokale Erinnerungskultur ist. Viele Spuren jüdischen Lebens sind heute kaum noch sichtbar. Umso wichtiger ist es, diese Geschichte zu erforschen, zu bewahren und ins Bewusstsein zu rücken.

Erinnerung beginnt vor Ort. Die Geschichte jüdischen Lebens in Jerichow ist ein Teil der Stadtgeschichte – und damit auch ein Teil unserer gemeinsamen Verantwortung, sie nicht dem Vergessen zu überlassen.